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Stand: 03.02.2016

23.10.2018

Ein „ganz normaler“ Spaziergang mit Inklusionsfolgen

Windig ist es an jenem Tag. Windig und leicht regnerisch. Dennoch entscheidet sich meine Lehrerin, Frau Huber, einen Spaziergang mit uns zu machen. Wir - die erste Klasse der Grundschule Pocking. Doch es soll kein normaler Spaziergang werden. Wir besuchen Kinder aus einer anderen Schule. Ein paar Wochen zuvor war eine fremde Frau in unserer Klasse und zeigte uns ein Bild von ihren Schülern. Wir lernten, dass diese Schüler nicht in eine normale Grundschule gehen können, da sie manche Sachen nicht so gut können wie wir. Dafür aber können sie ganz andere Dinge sehr gut, die wir noch nicht so können. Komisch ist das… Manche können auch nicht gehen. Und die Frau erzählte, dass auch manche nicht sprechen können, oder noch gefüttert werden müssen. Die sind aber schon genau so alt wie wir.
Jetzt müssen wir an diesem blöden Tag auch noch zu Fuß zu denen gehen. Die hätten schon auch zu uns fahren können, schließlich erzählte Frau Huber, dass die auch eigene Busse haben. Super, und wir können jetzt bei dieser Kälte dahin gehen. Ich bin schon auch etwas nervös… was ist, wenn die Kinder mir wehtun wollen? Oder wenn die ständig schreien? Oder wenn die anderen Kinder mich nicht mögen? Oder mich komisch ansehen? Was soll ich denn dann machen? Ich weiß ja auch gar nicht, wie ich mit denen sprechen soll, wenn die nicht mal sprechen können.
Endlich sind wir bei der Schule angekommen. Frau Huber erklärt uns vor der Eingangstür, dass wir auch ja alle schön guten Morgen sagen. Als ob wir das nicht wüssten. Und auf einmal öffnet sich die Tür und die Frau, die bei uns in der Schule war, ich glaube sie heißt Frau Panny, steht davor und strahlt uns an. Nachdem wir alle schön brav im Chor "Guten Morgen" singen, gehen wir rein in dieses fremde Schulhaus. Jetzt habe ich echt ein bisschen Angst. Oder bin ich aufgeregt? Wir sehen bald die anderen Kinder! Wir werden in einen großen Saal geführt, in welchem ein riesiger Stuhlkreis steht. Und da sind sie - die anderen Kinder - die ich bisher nur auf einem Foto gesehen habe. Schreien tut hier schon mal niemand, da bin ich echt beruhigt. Die Kinder sehen uns genau so erschrocken an, wie wir sie. Ob die auch nervös sind? Vielleicht haben die ja auch Angst vor uns?
Oh Mann, jetzt muss ich mich auch noch neben so ein Mädchen setzen. Ich stelle meinen Rucksack, den meine Mama heute extra mit einer riesigen Brotzeit für mich gepackt hat, unter meinen Stuhl und sehe das Mädchen beschämt an. Sie lächelt mir zu und berührt meinen Fuß. Ich erstarre. Erschrocken starre ich auf ihre Hand und schaue dann in ihr Gesicht. Doch das Mädchen lacht immer noch. Langsam verschwindet meine Angst aus meinem Körper. Ich denke nicht, dass ein Mädchen, das so lächelt, jemandem wehtun will. Ich lächle zurück und auf einmal winkt mir das Mädchen zu. "Wie heißt du?", traue ich mich leise. Das Mädchen lächelt immer noch und antwortet nicht. Neben dem Mädchen sitzt eine Frau. Später finde ich heraus, dass diese Frau diesem Mädchen hilft. Die Frau sagt mir, dass das Mädchen Sarah heißt. Ganz langsam entspanne ich mich und schaue auf Frau Huber. Während Frau Huber und Frau Panny erzählen, was wir heute machen, berührt das Mädchen immer wieder meinen Fuß und lächelt mich an. Sie mag mich anscheinend. Das finde ich schön. Langsam traue ich mich, ihre Hand zu nehmen. "Hallo Sarah, geht es dir gut?" Das Mädchen strahlt übers ganze Gesicht und nickt. Und ab diesem Zeitpunkt mag ich Sarah.
Ich sehe mir in der Runde die anderen Kinder genauer an. Keiner sieht böse aus und schreit und sieht mich komisch an. Ein Mädchen mit wunderschönen roten Haaren starrt die ganze Zeit auf den Boden. Ich glaube, die hat Angst vor uns. Das kann ich gut verstehen. Mir ging es ja bis vorhin nicht anders. Aber im Gegensatz zu denen sind wir ganz schön viele! Jetzt tut mir das Mädchen Leid. Ich möchte gerne hingehen und sagen, dass wir auch ganz lieb sind. Auf einmal ertönen Klänge einer Gitarre. Wer spielt denn da? Und auf einmal singen die anderen Kinder uns ein Lied vor. Ja! Wirklich singen! Sarah neben mir wedelt vor Freude mit den Händen und manchmal klatscht sie sogar mit. Und ein Junge singt zwar nicht den Text, aber dafür ganz laut die Melodie des Liedes. Und die anderen Kinder können genau so singen wie ich!

Nach dem Lied setzen wir uns an die Tische und machen gemeinsam Brotzeit. Ich will neben Sarah sitzen, weil sie mich immer so lieb anschaut. Da will ich sie jetzt nicht alleine lassen. Sarah kann nicht alleine essen, aber das finde ich jetzt gar nicht mehr schlimm. Denn sie strahlt mich währenddessen immer noch an und freut sich anscheinend sehr, dass ich neben ihr sitze. Als ich mit meiner Brotzeit fertig bin -(Mama hat mir sogar einen Schokoriegel eingepackt, den gibt’s nur ganz selten!) - entdecke ich am anderen Tisch das Mädchen mit den roten Haaren, das vorhin auf den Boden geschaut hat. Ich nehme all meinen Mut zusammen und gehe hin. "Hallo! Wie heißt du denn?", frage ich nervös. Das Mädchen sieht mich erschrocken an. Mit weit aufgerissenen Augen antwortet sie ganz leise: "Leoni. ……. Und du?" Und da lächelt sie mich auch an. Ich werde immer mutiger. Hier will mir anscheinend niemand was böses. Die Kinder sind genau so aufgeregt wie ich.

Nach dem Essen werden wir in Gruppen eingeteilt, um gemeinsam das Schulhaus zu erkunden. Ich bin in einer Gruppe mit Sarah, Leoni und einem anderen Mädchen, das ich noch nicht kenne.
Da sehe ich, dass Sarah nicht alleine gehen kann. Die Frau muss Sarah die Hand geben, damit sie nicht umfällt. Sofort nehme ich Sarahs andere Hand. Ich finde es schön, ihr zu helfen. Vor allem lacht sie mich immer so lieb an.
Wir sehen uns ein Schwimmbad an. Ich glaub's nicht. Ein Schwimmbad in einer Schule! Das möchte ich auch haben. Und dann gibt’s da einen Raum, der heißt Wasserklangbett. Das ist ein Raum mit einem Wasserbett und Decken und Musik! Und ein Bällebad gibt’s da auch! Was die alles haben! Das Klassenzimmer von denen ist allerdings voll klein. Da ist unseres schon viel größer. Aber sie haben auch eine Tafel und an der Tafel stehen die gelernten Buchstaben. Also lernen die auch Lesen und Schreiben? Frau Panny erzählt uns, dass die Kinder genau so Musik, Sachunterricht oder Mathe und Deutsch haben. Das ist ja wirklich wie bei uns! Ich frage Leoni, was sie am liebsten mag. Sie erzählt mir, dass sie am liebsten Lieder singt. Das find ich cool. Singen macht mir auch total viel Spaß. Ich frage sie nach ihrem Lieblingslied. "Anna und Elsa". "Ich war Elsa im Fasching!", antworte ich begeistert.

Die Besichtigung ist leider viel zu schnell vorbei. Wir müssen wieder zurück zu unserer Schule gehen.

Frau Huber und Frau Panny erklären, dass wir uns an Weihnachten wieder treffen werden. Ich freue mich sehr darauf, Sarah und Leoni wieder zu sehen. Vielleicht lerne ich dann auch die anderen Kinder besser kennen?

Und ob ich noch Angst habe?

Vor was denn?

 

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